„Hast du mal diese Untersuchung gelesen über die unterschiedlichen Formen, die Menschen haben, wenn sie sich die Welt erklären und wie sie darauf reagieren?“, fragte Harry.

„Hast du nicht davon mal erzählt?“, fragte Trixi zurück. „Ich meine, es wäre um Leute gegangen am Rand von einem Erdbebengebiet und im Zentrum der Zerstörung. Aber genauer weiß ich nicht mehr…“

„Das war so,“ Harry holte aus. „Man hat die Reaktion auf das Beben untersucht und dabei gefunden, dass die Menschen, die alles verloren hatten und noch dabei waren, um das nackte Überleben zu kämpfen, glücklich waren, dass sie überlebt hatten. Dagegen haben einzelne Menschen am Rand des Erdbebengebietes sich über Risse in Hausmauern und Schäden an Häusern so aufgeregt, dass sie Herzanfälle bekommen haben.“

„Und was sagt uns das?“, wollte Trixi wissen.

„Das sagt uns, dass es für die Menschen, die am Rande des Erdbebengebietes lebten nicht die normale Form war, sich in die Situation der Menschen hinein zu versetzen, die direkt im Zentrum des Erdbebengebietes das Erdbeben erlebt haben.“ Harry dachte nach. „Wenn die sich in die Situation derer, die gerade noch mit dem Leben davon gekommen waren, hinein versetzt hätten, hätte sich auch der Schaden am eigenen Haus relativiert und wäre dann nicht mehr als so schlimm erlebt worden.“

„Das verstehe ich gut!“, meinte Trixi. „Du meinst, dass wenn man sich in die Situation von denen hineinversetzt, denen es schlechter oder einfach nur anders geht, dann relativiert sich die eigene Situation und man bekommt eine bessere Einschätzung von dem, was einen selber betrifft, aber eben auch von dem, was andere betrifft?“

„Genau! Für viele Menschen ist es nicht so einfach, sich mit anderen Menschen zu identifizieren, die in einer anderen Situation sind.“ Harry engagierte sich. „Es ist offensichtlich leichter, die eigene Situation als die einzige Beschreibung, die Geltung hat, zu nehmen und alles andere dieser Beschreibung der eigenen Situation unter zu ordnen. Leichter auf jeden Fall als sich in die Situation anderer hinein zu versetzen und eine Idee, einen Gedanken und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es den Anderen wohl gehen mag, was ihnen jetzt wohl wichtig ist und was ich von mir erwarte als angemessene Reaktion darauf!“

„Klar, dafür müsstest du dich immer in die Situation desjenigen hinein versetzen, um den es geht. Das Hinein-versetzen ist dann die Basis für deine Beschreibung der Situation. Deine eigene Sicht der Dinge ist eben nicht die einzig richtige Sicht.“ Trixi nickte.

„Und dafür haben wir bei uns eine Menge Bedarf, finde ich.“ Harry schaute Trixi an. „Wenn Menschen, die bei uns sich um Verantwortung für andere beworben haben und dafür gewählt worden sind, sich nicht in die Situation hineinversetzen können oder wollen von Menschen, die sie gewählt haben – oder zumindest dazugehören zum Wahlvolk -, sondern davon sprechen, dass für ein System (Renten, Krankenversicherung, Bildung, oder was auch immer) es wichtig sei, bla bla bla. Oder wenn diese Menschen eine Realität beschreiben, in der 30% der Bevölkerung überhaupt nicht leben und diese für die Realität nehmen, die sie weiter gestalten wollen. Oder wenn diese Menschen sich um die Sicherheit und Stabilität Chinas kümmern und vergessen, sich in die Situation der Tibeter hinein zu versetzen, die nun politisch verfolgt und abgeurteilt worden sind. Oder wenn diese Menschen den Druck auf Generäle in Birma erhöhen, während einige Kilometer weiter Menschen verhungern, verdursten und an Seuchen sterben – und sie völlig vergessen, dass es kein politisches Spiel ist, sondern Menschen sterben, weil sie die Identifikation nicht hinbekommen.“

„Hör auf, hör auf! Ich habe dich ja verstanden!“ Trixi schaute betroffen. „Meinst du wirklich, dass alle diese Menschen sich wirklich nicht in andere hinein versetzen können und nicht mit darunter leiden, was da – und anderswo – passiert?“

„Ich weiß es auch nicht, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass wir es auf allen Ebenen vor allem noch mit Technokraten zu tun haben, die nicht menschliches mitfühlen und sich hinein versetzen, sondern Passungen zu Systemen, Einhaltung von Spielregeln und solche Dinge als Maxime für ihr Handeln haben.“ Harry zuckte die Achseln. „Und da funktionieren dann auch die Mechanismen und die Organisationen dann nicht mehr. Die sind geschaffen worden, damit der Schutz und die Unversehrtheit des Einzelnen auf dieser Erde geschützt wird, damit Wohlergehen sichergestellt wird. Dafür braucht es aber Menschen, die Verantwortung übernehmen und in der Lage sind, sich in die Situation der vielen Menschen hinein zu versetzen und mit zu leiden, wenn es da was zu leiden gibt. Daraus braucht es die Motivation für Veränderung, nicht aus Überlegungen zur Systemkonformität!“

„Das würde heißen, dass an Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen wollen, auch höhere Ansprüche gestellt werden müssen in Bezug auf Mitmenschlichkeit, auf mitfühlen, sich identifizieren können, auf Gefühlsreichtum, auf Bewusstheit über sich selbst.“ Trixi schaute Harry fragend an.

„Das wäre doch schon mal ein Anfang, wenn der Stadtrat und die Stadträtin, der Bürgermeister, die Bürgermeisterin, der Landrat und die Landrätin, die Mitglieder in den einzelnen Parlamenten und Regierungen von ihren Wählern danach bewertet würden, was sie für Menschen sind und wie ihre Persönlichkeit, ihre menschlichen Qualitäten ausgebildet sind – und nicht, wie sie sich durchsetzen, wie sie Reden schwingen können, wie sie Machtspiele können. Ich jedenfalls möchte Verantwortung für mich nur an jemanden delegieren, dem ich zutraue, dass er oder sie meine Situation verstehen und nach empfinden kann – und das auch will – und der dann eine angemessene Reaktion sucht und findet. Dabei kann er oder sie sich dann noch vertun, aber er hat wenigstens auf die richtige Weise gesucht.“